Du bist Plastiker und Zeichner, wie verbindest du die zwei Sachen erfolgreich?
Als mir klar wurde, dass zeichnen meine Wahrnehmung entscheidend verändert, hat sich meine Bildsprache im skulpturalen Werk logischerweise angepasst. Ausserdem fällt es mir leichter Ideen und Gesehenes schnell vor Ort zu skizzieren. So gehen nur noch wenige Motive „verloren“. Die weitgehendsten Konsequenzen aber sind sicher in der Lesbarkeit zu finden. Früher war es mir egal, was man in meinen Skulpturen gesehen hat. Heute versuche ich den Betrachter auf die richtige Spur zu führen. Indem zum Beispiel meine „Damen“ neuerdings mit Schirm und Fächer kokettieren! Als Beispiel möchte ich meine Acrylskulpturen anführen. Bei der ersten Ausstellung im Bernischen Historischen Museum hat mein eigener Vater von „Moorleichen“ gesprochen. Per Zufall tauchte da „Doktor Tod“ Gunther von Hagen in den Medien auf. Sofort war Allen klar, dass es sich bei meinen Werken um Körperwelten handeln müsse. Später schrieb dann die Zeitung „Der Bund“ von königlichen Attributen und stolzem Charisma, das an Bilder aus Afrika erinnere. Es folgten Beschreibungen wie, Hirten, Engel und Krieger. Momentaner Stand ist glaube ich „poetische Geschöpfe“. Mit diesem Beispiel möchte ich zeigen, welche Konsequenzen unsere Wahrnehmung haben kann. Insofern glaube ich, dass mein zeichnen stark mit meinen Skulpturen verbunden ist.
Wann hast du mit Zeichnen begonnen?
Wie jeder Mensch habe ich als kleines Kind bereits viel gezeichnet. Später dann, als Schüler, habe ich mich nicht mit Darstellungen aus der Fantasie begnügen können. Ich hatte den großen Wunsch die Dinge so zu zeichnen wie ich Sie sah. Leider hatte ich keinen guten Lehrer, der es mir beigebracht hätte. Also ließ ich das zeichnen für ca. 20 Jahre beiseite. 1994 war ein wichtiges Jahr. Ich spürte den grossen Wunsch mehr aus meinem Leben zu machen. Ich wusste nicht wie das gehen sollte. Also folgte ich einfach meinen Interessen. Die Fotografie stand ganz im Vordergrund. Ich fotografierte leidenschaftlich. Schwarz/ Weiss. Dann nahm ich Unterricht bei Martin Thönen und Ernst A. Müller. Ich übte mich in Linoldruck, Holzschnitt und Lithographie. Fasziniert von den zeichnerischen Fähigkeiten meines Bruders probierte ich es selber. Es gelang mir nicht. Ich war hin und her gerissen. Einmal fotografierte ich, dann wieder versuchte ich zu zeichnen. Es war die Hölle. Per Zufall bin ich dann auf Betty Edwards gestossen und erkannte zum ersten Mal die Welt der Wahrnehmung. Ich kniete mich wie ein Verrückter in die Materie. Ich zeichnete Tag für Tag. Stundenlang. Ja und langsam stellten sich dann die ersten Erfolge ein.
Wann/Warum hast du dich entschlossen Künstler zu werden?
Dazu habe ich mich nicht entschlossen. Ich folgte einfach meinem Weg. Ich wollte und will mich jeden Tag verbessern. Und so stapelten sich die Zeichnungen und Skulpturen und erste Anfragen kamen. Sei es für eine Ausstellung oder einen Kauf. Ja und wenn man dranbleibt, wird der Tag kommen, wo Jemand dich als Künstler sieht. Und der erzählt es weiter und deine Werkstatt heisst auf einmal Atelier, und deine Stapel von „Kunstwerken“ dürfen sich auf einmal Werk nennen. Es passiert einfach. Ich glaube, es ist vor allem die Zeit und die Anzahl Ausstellungen und Werke die dich zum Künstler werden lassen.
Es gibt viele Grosse Künstler. Bewunderst du Einen? Weshalb?
Ja. sicher. Bei den Zeichnern ist es Horst Janssen. Der hat Tag und Nacht gezeichnet. Sein Leben lang. Sein Werk dürfte mehrere Tausende Zeichnungen und Radierungen umfassen. Wer zeichnet kommt an Janssen nicht vorbei. Und in der Skulptur gibt es für mich nur Alberto Giacometti. Das er Schweizer war ist für mich wichtig. Seine bescheidene und überzeugende Art an seinem Werk zu arbeiten imponierte mir von Anfang an. Auch er spielte stark mit der Wahrnehmung. Zum Beispiel wunderte er sich über den Umstand, dass Menschen die weit weg sind, grösser werden wenn sie auf uns zu kommen. Das mache mal einer nach. Sich darüber wundern! Ich sage immer: „Um ein grosser Künstler zu werden reichen 23 Quadratmeter. So gross war Albertos Atelier in Paris!“
Welche Zeichentechnik gebrauchst du am liebsten?
Am liebsten ist mir der Bleistift. Er ist billig, überall aufzutreiben und hat genau den Wiederstand, den ich liebe. Ausserdem sind mit weichen Bleistiften ungezählte Tonwerte möglich. Meine Kräfte während des zeichnes übertragen sich direkt in den Kontrast. Wichtige und unwichtige Linien entstehen und die Zeichnung wird spannend.Und welche Motive?
Das ist einfach und schwierig zu gleich. Einerseits bin ich fasziniert von Menschen und Tieren, andererseits sehe ich Gezeichnetes und denke, das sollte ich auch einmal versuchen. Zum Beispiel Industrielandschaften oder technisches Gerät. Traktoren, Flugzeuge, Baumaschinen etc.
Wie kann „jeder“ zeichnen lernen?
In dem er meinen Kurs besucht! Scherz beiseite. Ich habe jahrelang geforscht um herauszufinden wie zeichnen wirklich funktioniert. Zuallererst ging es mir darum, den Begriff zeichnen definieren. Die Menschen sprechen von zeichnen und jeder meint etwas anderes. Man muss unterscheiden zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Ob ich etwas aus dem Geist heraus zeichne, oder die Wirklichkeit realitätsnah abbilden möchte sind zwei völlig verschieden Dinge. Des weiteren denken Viele, dass eine Zeichnung im Kopf entsteht. Also das die Schwierigkeit nur darin bestünde, die Zeichnung auf das Papier zu bringen. Das ist Quatsch. Bezüglich des realitätsnahen, wirklichkeitsgetreuen Zeichnen gibt es nur eine Lösung. Die heisst KOPIEREN. Man zeichnet was man sieht. Die Schwierigkeiten sind schnell aufgezählt. Wer zeichnet was er denkt, was er sieht, der scheitert kläglich. Es geht darum eine neutrale, wertfreie Haltung einzunehmen. Man muss Denken und Sehen unterscheiden lernen. Wer zeichnet was er wirklich sieht, der ist auf dem richtigen Weg. Eine weiter nicht zu unterschätzende Schwierigkeit besteht darin, dass der Anfänger nicht erkennt, welche Linien in seinem Motiv denn überhaupt vorkommen und wie er sie fehlerfrei abzeichnen kann. Fehlerfrei im Sinne von; Wie lang, wie dick und wie schräg ist die Linie? Und nun zu der Hauptsache. Wie viel soll man zeichnen? Das weglassen das eine Zeichnung so spannend machen kann, scheint ein grosses Problem zu sein. Hierzu muss ich dem Schüler den Begriff der Lesbarkeit verdeutlichen. Unser Gehirn neigt dazu Dinge zu vervollständigen. Also nutzen wir das doch aus. Simpel gesagt. Was ich nicht zeichne, kann auch nicht falsch interpretiert werden. Zusammengefasst gilt für mich folgendes. Jeder Mensch kann zeichnen lernen, wenn er es richtig anpackt!
Die Linien geben der Zeichnung ihren Ausdruck. Wie kann man seinen eigenen „Linien Charakter“ finden?
Das ist eine gute Frage. Ich stelle eine Gegenfrage. Wie bist du zu deiner Handschrift gekommen? Hast du bewusst daran gearbeitet, oder ist sie einfach zu dem geworden was sie heute ist. Nämlich einzigartig und persönlich. Ich will damit andeuten, das es zwei Wege gibt, die sich gleichzeitig ergänzen. Wenn ich viel zeichne entsteht schon nur aus der grossen Anzahl der Zeichnungen ein eigener Stil. Andererseits schau ich mir Werke an die mich faszinieren und lege mein Augenmerk auf den Strich des Zeichners. Hat er spezielle Striche, Haken, Schraffuren und „Fehler“ die ich in mein Repertoire einbauen könnte? Und so übernehme ich jeweils Merkmale fremder Zeichner und entwickle sie unbewusst weiter.
Was würdest du jemandem raten, der zeichnen möchte, es aber einfach nicht schafft?
Es tönt schon fast ein bisschen arrogant. Aber ich bin überzeugt, dass ich einer der Wenigen, wenn nicht gar der Einzige bin, der Begriffen hat wie zeichnen funktioniert. Ich rate ihm meinen Kurs zu besuchen oder im Frühling 2010 mein Zeichnen Buch zu kaufen.Zur Zeit arbeitest du an einem Zeichnen-Lehrbuch. Was ist an diesem Buch anders als an den unzähligen die es schon gibt?
Ich will das beste Zeichen-Lernen Buch der Welt schreiben. Das heisst, das es grundehrlich sein muss. Ich werde alle Schwierigkeiten denen ich selbst ausgesetzt war ausführlich besprechen. Ich werde nichts auslassen und ich werde die Dinge so gründlich und umfangreich darlegen, dass Jeder für sich ganz genau verstehen wird, wo seine Probleme liegen und vor allem wie er sie lösen kann. Ich werde kein Blatt vor den Mund nehmen und ganz wie es meinem Temperament entspricht manchmal auch über die Stränge hauen. Ziel ist : Jeder begreift, dass er zeichnen kann. Jeder lernt seine eigene Wahrnehmung kennen und erkennt dadurch auch die Folgen seines Handelns. Und das führt zum schmieden des eigenen Glückes!
Was ist dein nächstes grosses Ziel?
Ich habe unzählige Ziele. Ich möchte mein Leben vereinfachen, Weniger Verpflichtungen, mehr Zeit für meine Partnerinn und Freunde, mein Werk vermehren. Viel zeichnen und schweissen.
Interview von Menja Metzger