Wie lernt man zeichnen?

Du zeichnest einfach was du siehst. 

Ist das so einfach?
Ja und Nein. Leider hast du keine Ahnung was du wirklich siehst. Dazu müsstest du deine eigene Wahrnehmung kennen und kontrollieren können. Die meisten Menschen kennen diese Möglichkeit jedoch nicht. Für den Alltag reicht es in die Welt zu gucken. Zeichnende hingegen müssen viel bewusster hinschauen.

Zeichnende stellen spezielle Fragen.

  • Was sehe ich?
  • Was ist mir entgangen?
  • Was habe ich mir unbewusst ausgedacht?


Wie zeichne ich etwas?
Diese Frage ist einfach nur falsch. So lernt man nie und nimmer zeichnen.

Beispiel

Jedes Objekt kann man auf zwei verschiedene Arten betrachten. Als Etwas dessen Bedeutung und Sinn wir kennen oder als eine Anordnung von Strichen, Flächen und Zwischenräumen.


zeichnen Sehgewohnheiten
Normales Sehen

Zuerst lesen wir wie gewohnt das Wort Wetter. Es würde uns nicht im Traum einfallen, irgend etwas anderes zu lesen oder zu sehen. Dies ist die normale Sehgewohnheit.


Erweitertes Sehen

Jetzt zerlege ich die Buchstaben in ihre Striche. Dadurch werden die Buchstaben als einzelne Linien erkennbar. Du siehst noch immer das Wort Wetter. Kannst du aber auch die einzelnen Teile erkennen? Wenn es dir gelingt hin und her zu wechseln, dann beherrscht du bereits das erweiterte Sehen. So gucke ich als Zeichner. Ich sehe nur Ränder und Flächen. Das ist der Grund weshalb ein Porträt und ein vergammelter Eiersalat für den Zeichner quasi dasselbe ist. Er sieht einfach Striche ohne Sinn und Zweck.


Nur noch Striche

Um das Ganze zu verdeutlichen, habe ich dieses Beispiel auf die Spitze getrieben. Ich habe also die Striche des Wortes Wetter ein wenig sortiert und ordentlicher dargestellt. Das hat natürlich nichts mehr mit zeichnen zu tun. Dient aber dem besseren Verständnis.

Sinnloser Strichhaufen

Der Strichhaufen ist dann die konsequente Weiterführung dieser Erklärung. Kein Sinn mehr. Nur noch Striche. Es ist offensichtlich. Hier kann kein Mensch mehr das Wort Wetter lesen. Das sinnvolle Wort ist zu einem sinnlosen Objekt geworden. Wir werden quasi gezwungen unser erweitertes Sehen einzusetzen.

Zeichnende sehen Nichts

Du gibst den Dingen keine Namen und keine Bedeutung. Du siehst einfach Linien, Formen, Flächen, Licht und Schatten.

Zeichnen ist Hirnjogging.
Zeichnen ist eine Leistung, die dein Gehirn von Natur aus erbringen kann. Die Zeichnung ist eigentlich nur eine Kombination aus dem was du gerade beobachtest und wie du dieses auf dein Papier zeichnest.

Trotzdem ist es einfach.
Unser Gehirn ist nämlich von Natur aus ein Zeichnen Genie. Es liebt komplexe Zusammenhänge. Im Alltag ist es jedoch auf eine energiesparende Routine angewiesen. Das Gehirn schütz uns vor dem Zuviel. Es filtert ungefragt unsere Eindrücke. Das ist gesund und muss so sein. Bloss beim Zeichnen stört das gewaltig.

Du wirst anders ticken.
Zeichnen heisst Alles zu sehen. Deshalb musst du deine ganz persönlichen Filter kennen. Beim Zeichnen wirst du diese dann kontrolliert ″ein und aus″ schalten.

Schritt für Schritt.
Es ist wie bei einem Kind das Gehen lernt. Zuerst hangelt es sich hoch, dann macht es erste wackelige Schritte, wird sicherer und am Schluss ist das Gehen eine Selbstverständlichkeit. Es erinnert sich nicht mehr an die Zeiten, als es nur krabbeln konnte.

Fazit:
Wenn dir klar ist was du wirklich siehst und denkst, dann zeichnest du bereits nach wenigen Stunden Übung viel besser. Üben musst du trotzdem ?


Zusammenfassung

Du übst eine neue Sehweise.
Du und ich müssen zuerst herausfinden, wie du ″deine″ Welt anschaust. Um das zu verstehen hilft es zwei Sehgewohnheiten zu kennen.

Das normale Sehen:
Das ″normale″ Sehen beruht auf dem Erkennen eines Objektes. Das Erkennen oder Wiedererkennen ist stark mit dem persönlichen Wissen um die Eigenschaften, dem Zweck und Sinn eines Objektes verknüpft. Zusätzlich spielen hier Erfahrungen und Emotionen eine grosse Rolle.

Das erweitertes Sehen:
Das erweiterte Sehen (so gucken Menschen die zeichnen können) beinhaltet die oben beschriebenen Verknüpfungen auch. Aber beim erweiterten Sehen sind diese absolut zweitrangig. Es kommt jetzt, nämlich etwas hinzu. Die Tatsache, dass die Zeichnenden die Objekte in ihre Linien, Flächen und Punkte zerlegen.

Dieses zerlegen oder aufteilen von Informationen bedeutet für Zeichnende einen entscheidenden Vorteil. Mit diesem erweiterten Sehen können diese die Flut an Informationen nicht nur deutlich verkleinern, sie können sie auch wesentlich besser einschätzen. Die Länge, Lage und Form einer Linie können so viel besser beobachtet und kopiert werden. Ausserdem sind Zeichnende in der Lage, beliebig zwischen dem Objekt als sinnstiftende Form und dem Objekt als sinnlose Form hin und herzuwechseln.

Du musst dich fragen: Was sehe ich?
Und nicht: Wie zeichne ich etwas?

Du kannst dich täuschen.
Du merkst schon bald welche Streiche dir dein Gehirn beim Zeichnen spielen kann.

Du lernst eine neue Sehweise.
Du lernst die Dinge mit dem Blick der Zeichnenden anzuschauen. Diese sehen nur Ränder, Flächen und Strukturen.

Du musst aufhören über das Motiv nachzudenken.
Es spielt keine Rolle, ob du ein schönes Porträt oder einen Eiersalat zeichnest! Du lernst Linien zu erkennen und diese zu zeichnen.